SSH 🤫 Gender Gaga - Vom Fräulein Silberhasen zum Super Daddy

Das Wetter: Highter und wolkig

Ich hatte für diesen Thread eigentlich nicht geplant näher auf den VPD einzugehen oder über die Sämlingsphase hinaus überhaupt zu versuchen ihn zu kontrollieren (abgesehen von möglichst niedriger Luftfeuchtigkeit in der Blüte/Endblüte). Ich bin allerdings dabei mein Abluftsystem im Keller ein wenig umzubauen, damit ich in Zukunft die Werte selbst im Winter und Hochsommer besser unter Kontrolle bringen kann und möchte die Möglichkeit deshalb nutzen etwas auf den “Vapor Pressure Deficit” einzugehen.

Ich habe im gut gedämmten Keller mit Heizung relativ stabile Umgebungswerte und bin daher, im Vergleich zu Growmies im Dachboden oder im ungedämmten Schuppen, vergleichsweise gut aufgestellt. Optimal sind meine Werte aber nicht. Um bessere Bedingungen zu schaffen müssen wir aber zuerst verstehen warum und wofür sie überhaupt wichtig sind

Alle reden über Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber kaum einer über die Kombi. Das Zauberwort heißt “Vapor Pressure Deficit” (VPD). Klingt nach NASA-Labor, ist aber “nur” die Differenz zwischen der Feuchte in der Luft und dem, was die Pflanze gerne abgeben würde. Oder aber: Wie groß der Durst der Luft ist, im Vergleich zu dem was die Pflanze abgeben kann.

Transpiration ist mehr als “Pflanze schwitzt”…

Wasserfluss
Jedes Molekül Wasser, das aus den Spaltöffnungen (Stomata) der Pflanze verdunstet, zieht eine Kette von Wasser (und damit gelöste Nährstoffe) aus den Wurzeln nach oben.

Nährstofftransport
Stickstoff, Phosphor, Kalium, Calcium etc. kommen nicht von alleine oben an. Ohne Transpirationsstrom kommt es trotz “voller Erde” zu Mangelerscheinungen.

KĂĽhlung
Die Verdunstung senkt die Blatt-Temperatur. Ohne sie wĂĽrden die Ladies unter voller Lichtleistung abrauchen wie ein alter HeizlĂĽfter.

Ganz stark vereinfacht:
Möchte die Pflanze Wasser und Nährstoffe transportieren, der Dampfdruck (“vapor pressure”) von außen ist aber zu hoch (die Umgebungsluft gesättigt), dann scheitert sie.
Ist die Umgebungsluft sehr trocken (durstig) und die Pflanze nicht in der Lage den negativen Druck auszugleichen, dann vertrocknet sie.

Hochgeklappte Ränder & trockene Spitzen = VPD zu hoch.
Schlaffe Blätter = VPD zu niedrig

Die Luft kann nur so viel Wasser halten, wie es ihre Temperatur erlaubt. Je wärmer die Luft, desto größer ihr Fassungsvermögen für Wasserdampf. Je kühler, desto kleiner das Fassungsvermögen. Die relative Luftfeuchtigkeit (% rLF) sagt also nicht, wie viel Wasser wirklich drin ist, sondern nur, wie gesättigt die Luft gerade ist. Beispiel: 50 % rLF bei 20 °C enthält weniger Wasserdampf als 50 % rLF bei 28 °C. Genau hier greift der VPD. Er beschreibt die Lücke zwischen Sättigung und dem Ist-Zustand. Diese Lücke entscheidet, wie stark die Pflanze transpiriert.

Es geht also nicht darum, einfach 60 % Luftfeuchtigkeit einzustellen. Entscheidend ist, wie die Temperatur und Luftfeuchte zusammenwirken, weil die Pflanze auf den realen VPD reagiert.

Niedriger VPD = Luft ist fast gesättigt = Pflanze kann kaum schwitzen = Nährstoffstau
Hoher VPD = Luft saugt wie ein Staubsauger = Pflanze schwitzt wie irre = Risiko für Trockenschäden

Das Optimum sorgt für einen “atmenden Kreislauf“. Wasser rein, Nährstoffe hoch, Zuckerproduktion läuft, Wachstum flutscht.

Welche Werte sollten wir also anpeilen, um unseren Lieblingen in jeder Phase ihres Lebens optimale Bedingungen zu liefern?

Keimling & Sämling
22 - 25 °C, 65 - 80 % rLF = VPD 0,4 - 0,8 kPa
(niedriger VPD, hohe Luftfeuchte)

Blätter kaum entwickelt, Wurzeln noch winzig.
Ein hoher VPD wĂĽrde sie austrocknen, bevor die Wurzeln hinterherkommen.
Deshalb: feuchte Luft + moderate Temps = Balance zwischen Verdunstung und Aufnahme.

Veggie
24 - 28 °C, 55 - 65 % rLF = VPD 0,8 - 1,2 kPa
(mittlerer VPD, ausgewogene Balance):

Mehr Blattfläche + kräftigere Wurzeln = Zeit, Gas zu geben.
Mittlerer VPD pusht die Transpiration = mehr Nährstoffe = schnelleres Wachstum und dickere Stämme.

Zu niedriger VPD? Pflanze „schwitzt“ nicht und stockt.
Zu hoch? Nährstoffstress und verbrannte Blattspitzen.

BlĂĽte
Frühe Blüte: 24 - 27 °C, 50 - 60 % rLF = VPD 1,0 - 1,4 kPa
Späte Blüte: 22 - 26 °C, 45 - 55 % rLF = VPD 1,2 - 1,6 kPa
(höherer VPD, trockenere Luft):

Jetzt geht’s nicht nur um Wachstum, sondern auch um Schimmelschutz.
Ein höherer VPD hält die Luft trockener, zwingt die Pflanze aber weiter in gesunde Transpiration.
Zu feuchte Luft in den Buds = Einladung fĂĽr Botrytis (Schimmel).

Ich könnte hier jetzt noch ewig weiter faseln. Wie sich die Umluft auf die Blatttemperatur auswirken kann, warum die Blatttemperatur und nicht die Umgebungstemperatur ausschlaggebend ist, warum Sanlight jahrelang falsch gemessen hat, welche Faktoren (Lampentemperatur) Auswirkungen haben usw. Usf.

Quellen

Bugbee, B. (2021)
Cannabis physiology and the critical role of vapor pressure deficit. Utah State University.

Zhang et al. (2016)
Effects of Vapor Pressure Deficit on Plant Growth and Development. Front. Plant Sci. 7: 1028.

Nelson, M. (2018)
Controlled Environment Agriculture and VPD Management. HortScience 53(9).

Marcelis et al. (2006)
Transpiration and nutrient uptake in greenhouse crops. Acta Horticulturae.

Was bedeutet das jetzt fĂĽr mich konkret?
Ich habe die Temperatur zu jeder Zeit unter Kontrolle (Heizung), die Luftfeuchtigkeit aber nur bedingt. Bisher habe ich alle Zelte “durchgeschleift”, von Zelt zu Zelt. Die gesamte Abluft ging über ein Rohr nach draußen. Wollte ich im Blütezelt die feuchte Luft der stark transpirierenden Pflanzen schnell abtransportieren hatte das Auswirkungen auf alle anderen Zellen. Ich konnte zwar die “Richtung” steuern und die Reihenfolge in der die Zelte bedient wurden, nicht aber einzeln kontrollieren wie schnell ausgetauscht wurde. In Zukunft wird das durch Steuerklappen, Rückschlag”ventile” und mehrere Abluftstränge deutlich einfacher (oder komplizierter/aufwändiger…). Dazu aber vielleicht an anderer Stelle mehr.

Euch empfehle ich vpdchart.com und alle Videos von Bruce Bugbee zum Thema (zB Bruce Bugbee Series – How VPD Relates to Nutrient Uptake)

Verantwortlich für dieses ganze Blabla ist maßgeblich meine Katze, die meinen - eh schon gestörten - Schlafrythmus heute Nacht durch „Geschenke“ (read: Kopflose Mäusekadaver) und Kotzorgien (read: Kadaverlose Mäuseköpfe) vollends durcheinander gebracht hat.

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