Die Trickserei geht los. Noch besser, wenn man 380K-Eltern hat.
Heute aus der Alpen-Prawda.
Cannabis-Anbauvereinigungen:Lizenz zum Anbauen
- Juni 2024, 14:33 Uhr
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Der Grasanbau ist eine Wissenschaft für sich: Mit Ventilator und Luftbefeuchter wird das perfekte Binnenklima für die Cannabispflanzen geschaffen. (Foto: Benjamin Emonts)
Cannabis Clubs dürfen jetzt Lizenzen beantragen, doch die bürokratischen Hürden sind hoch. Zu Besuch bei einem Verein, der es trotz aller Probleme probiert – und im Keller schon die ersten Stecklinge produziert.
Von Benjamin Emonts
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Die Hoffnung ist grün – und im Fall des Anbauvereins High Society Donau-Iller wächst sie in einem Einfamilienhaus im Ulmer Umland. Es ist eine gutbürgerliche Siedlung, mit Trampolinen in den Gärten und sauber geschnittenen Hecken. In dem Haus riecht es nach Katze und alter Luft, erst auf den letzten Stufen hinab in den Keller strömt dieser süßliche Geruch in die Nase. Adriano Holatz, im Vereinshemd, öffnet den Reißverschluss zu einem Zelt. Grelles Licht blendet, Nebel und ein leiser Wind wehen heraus. Da stehen sie, ein volles Dutzend Cannabispflanzen so dicht wie Büsche.
„Das sind die Mutterpflanzen“, sagt Holatz und streichelt über die Blätter. Der 34-jährige Unternehmer gehört zu den Gründern des Anbauvereins High Society Donau-Iller. In dem Zelt werden die Pflanzen aktuell 18 Stunden am Tag von LED-Lampen bestrahlt, Sorten wie Pink Lemonade und Black Cherry Gelato. Aus ihren Stecklingen sollen – sobald der Verein genehmigt ist – üppig blühende Cannabispflanzen wachsen. 1500 Stück will der Verein an einem geheimen Ort anbauen.
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Adriano Holatz (links) ist eine Art Manager des Vereins, der gelernte Landwirt Lukas Bosch kümmert sich um die Pflanzen. (Foto: Benjamin Emonts)
Dieser Montag, 1. Juli, ist ein bedeutender Tag im Prozess der umstrittenen Cannabis-Legalisierung. Bereits seit dem 1. April darf in Deutschland legal gekifft werden, doch erst jetzt können auch die Anbauvereinigungen bei den Behörden eine Lizenz beantragen. Erst wenn diese vorliegt, dürfen sie anbauen. Deshalb wachsen die Mutterpflanzen bei Ulm in einem Privathaus und nicht im Vereinsheim. Die vier Hausbewohner züchten je drei Pflanzen privat.
Hohe Auflagen bremsen viele Vereine aus
Seit der Teillegalisierung in Deutschland gibt es de facto keine legale Einkaufsquelle für Freizeitgras. Die meisten Kifferinnen und Kiffer ordern weiterhin bei ihren Dealern, die sich vor allem in den ersten Wochen über steigende Umsätze freuten. Manche, so hört man aus der Szene, machen jetzt auch Hausbesuche, weil sie 25 Gramm legal mit sich herumtragen dürfen. Daneben profitieren Telemedizin-Kanäle und Online-Plattformen, die medizinisches Cannabis verordnen und verkaufen. Ihre Umsätze haben sich seit der Legalisierung teils verzehnfacht, weil seither ein einfaches Rezept zum Verordnen reicht. Es genügen eine kurze Videosprechstunde und Symptome wie Schlafprobleme. Es ist kein Geheimnis, dass sich auch viele gesunde Menschen medizinisches Cannabis organisieren.
Die Regierung setzt dem zwei Konzepte entgegen: den Eigenanbau – Erwachsene dürfen bis zu drei Pflanzen zu Hause züchten – und eben jene Anbauvereinigungen. Im ersten Jahr rechnet sie mit bis zu 3000 Anmeldungen solcher Vereine. Durch den Anbau sollen sie die Konsumenten flächendeckend mit Marihuana versorgen, um den Schwarzmarkt auszutrocknen und vor allem junge Menschen vor verunreinigtem Gras zu schützen. Bis zu 500 Mitglieder können pro Verein unter staatlicher Kontrolle Gras gemeinsam anbauen, ohne Gewinn damit zu erzielen. Maximal 50 Gramm dürfen sie monatlich mitnehmen, genug für 150 Joints, dazu fünf Stecklinge und sieben Samen. In den Vereinen bleibt das Kiffen verboten.
Die Behörden lassen sich Zeit
Überarbeitetes Cannabis-Gesetz
:Bundestag beschließt Grenzwert für Cannabis am Steuer
Analog zur Promillegrenze beim Alkohol gibt es künftig für Cannabis am Steuer einen Grenzwert von 3,5 Nanogramm des Wirkstoffs THC. Bisher ist die Regelung sehr strikt: Autofahren ist nach dem Konsum faktisch verboten.
Doch an der Zahl 3000 haben die Dachverbände der Anbauvereine ihre Zweifel. Hohe Auflagen und Bürokratie haben viele potenzielle Vereinsgründer bereits zum Aufgeben gebracht oder bremsen sie aus, bevor es losgeht. „Ich kenne kaum einen Verein, der schon eine Immobilie, geschweige denn das nötige Anbau-Equipment hat“, sagt Peer Bollmeyer. Er ist Vorsitzender des Verbands Cannabis Anbauvereinigungen Deutschlands, kurz CAD.
Schuld daran sei auch die schleppende Organisation. In Berlin, der deutschen Kiffer-Hochburg, wurden erst vor wenigen Tagen die Bezirksämter als zuständige Behörden ernannt, es fehlt noch an Ansprechpartnern und konkreten Vorschriften. In Ländern wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen erfolgten die Ernennungen erst in der zweiten Junihälfte. Die FDP-Fraktion in Nordrhein-Westfalen und Aktivisten werfen von CDU und CSU geführten Landesregierungen eine „Verzögerungstaktik“ vor, um die ungewollte Legalisierung zu bremsen. Manche Behörden verweisen auf die mangelnde Vorlaufzeit. Bayern kündigte Vorortbegehungen mit der Polizei und Anhörungen der Kommunen im Genehmigungsprozess an. Die Behörden haben nach Eingang der Anträge drei Monate Zeit, um sie zu bearbeiten.
Den Anbauvereinen fehle es an Planungssicherheit, kritisiert Peer Bollmeyer. „Wer rennt schon los, ohne zu wissen wohin.“ Bis das erste Gras legal angebaut wird, glaubt er, „wird Silvester längst vorbei sein“. Das lange Warten raube vielen die Motivation und halte sie auf dem Schwarzmarkt. Ohnehin seien viele potenzielle Gründer von der Fülle an Auflagen überfordert und hätten den Zeitaufwand und Investitionskosten unterschätzt.
Es braucht Alarmanlagen und Sicherheitstüren
Adriano Holatz fährt mit seinem SUV rund 20 Kilometer weiter zur „Herzkammer“ des Vereins. Er war früher selbst einmal Dealer, erzählt er, saß wegen illegalen Anbaus und Handels sieben Monate in U-Haft. Er dürfe erst Vorstandsmitglied des Vereins werden, wenn die Straftat bald nicht mehr in seinem Führungszeugnis erscheint. Er hält am Ortsrand eines Dorfes im Landkreis Biberach, in einem Mischgebiet aus Wohnhäusern und Gewerbe. Holatz’ Eltern, die mit Immobilien handeln, haben hier eine Gewerbehalle für 380 000 Euro für den Anbauverein gekauft. Der genaue Ort soll geheim bleiben, um Kriminelle fernzuhalten. Der Verein, sagt Holatz, hat sich bewusst für einen Standort auf der baden-württembergischen Seite entschieden, weil die CSU in Bayern einen restriktiven Kurs gegen die Legalisierung fährt.
Die Anforderungen sind hoch: Anbauvereine müssen 200 Meter Abstand zu Schulen, Kitas und Spielplätzen halten. Alle Mitglieder müssen sich mit Namen und Anschrift registrieren. Das schreckt viele ab, weil sie nicht als Drogenkonsumenten in behördlichen Registern auftauchen wollen. Ihre Anbaukonzepte müssen die Vereine minutiös darlegen: Erntemenge, Methoden zur Beprobung, Beleuchtungszeiten, Konzepte zur Sicherheit und dem Gesundheits- und Jugendschutz. Es braucht geschulte Präventionsbeauftragte und selbst die Reinigungskraft soll vorab benannt sein. Und dann wäre da noch die Kommune, die zustimmen muss. Zwar wähnt Holatz’ Verein den örtlichen Bürgermeister auf seiner Seite, doch Geschichten wie die aus dem oberbayerischen Aschheim, wo der Gemeinderat einem geplanten Cannabis Club kurzerhand einen Spielplatz vor die Tür gesetzt hat, sind auch hier bekannt. „Wir hoffen, dass uns so was erspart bleibt.“
Die Vereinsgründer wittern das große Geschäft
Schon jetzt hat der Verein 600 000 Euro investiert, ohne zu wissen, ob er eine Lizenz bekommt. Den Kaufpreis für die Halle inklusive. Es ist nicht einmal klar, ob sie die eigenen Stecklinge in den Club einbringen dürfen. 22 Gründungsmitglieder haben 220 000 Euro gesammelt, im Gegenzug bekommen sie pro Jahr 25 Prozent Zinsen für die Hochrisikoanlage, sobald der Verein läuft. Die Halle, in der noch die Oldtimer des Vorbesitzers stehen, rüsten sie gerade mit Alarmanlagen, Kameras und Sicherheitstüren aus. Allein die Beleuchtung, Klima- und Bewässerungsanlage kosten mehr als 200 000 Euro. Die bisher 250 Mitglieder zahlen monatlich 50 Euro Beitrag. Dafür bekommen sie fünf Gramm Gras, das entspricht etwa dem Preis am Schwarzmarkt.
Ganz uneigennützig machen die Gründer das nicht. Holatz’ Eltern bekommen monatlich Pacht von dem Verein, das Anbau-Equipment leiht sich der Verein von einer Firma, die Gründungsmitglieder und andere Investoren eigens dafür gegründet haben. Und natürlich schielt Holatz auch in die Zukunft und plant weitere Gründungen im süddeutschen Raum. Er gehe fest davon aus, dass sich das Cannabis-Gesetz weiter öffnet und früher oder später auch den kommerziellen Handel mit Cannabis erlaubt. „Wir wollen dann schon verbreitet sein und überall unsere Ausgabestellen haben“, sagt Holatz. Die High Society Donau-Iller reicht ihren Antrag an diesem Montag ein. Sie hoffen auf die ersten Blüten im Herbst – wenn es die Verwaltung so will.